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Iran: Nicht nur Ahmadinedschad, nicht nur Israel |
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Wednesday, 02 November 2005 |
Welt am Sonntag - Der Nahost-Informationsdienst MEMRI hat Auszüge aus
der Rede des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad sowie anderer
führender iranischer Politiker zum "Al-Quds-Tag" zusammengestellt, in
denen - wie alle Jahre wieder aus diesem Anlaß - zur Eliminierung
Israel aufgerufen wird. Zu den zitierten Rednern gehört auch der vor
allem in Europa zum "Reformpräsidenten" verklärte Vorgänger
Ahmadinedschads, der Ayatollah Khatami. Auch er hat sich in den
vergangenen Jahren stets mit Brandreden gegen die Existenz Israels
hervorgetan. Im Westen wollte man dies aber nur allzugern überhören,
konnte man sich mit dem gebildeten Herrn Khatami doch so gepflegt über
die Ethik des gegenseitigen Verstehens der Kulturen, über Goethe und
seinen "West-östlichen Diwan" unterhalten.
Ahmadinedschad hingegen kann und will mit solchem für den kulturellen
Geschmack der Europäer zubereitetem rhetorischem Zuckerguß nicht
dienen. Die Haßrituale des iranischen Regimes finden im Westen auch
deshalb wieder erschrockenes Gehör, weil selbst den Europäern wohl
endlich klar geworden ist, daß die Teheraner Ayatollahs zielstrebig auf
die nukleare Bewaffnung hinarbeiten. Ob freilich dem bösen Erwachen aus
der Illusion der Zivilisierbarkeit der iranischen islamistischen
Theokratie praktische Konsequenzen jenseits der verbalen Empörung
folgen werden, die lobenswerterweise aus zahlreichen westlichen
Hauptstädten und aus dem UN-Sicherheitsrat zu hören waren, bleibt
abzuwarten. So wäre es etwa an der Zeit, wieder einmal genauer
hinzusehen, in welchem Ausmaß Teheran tatsächlich in die Bewaffnung,
Ausbildung und Finanzierung von Terroristen und Selbstmordattentätern
in Palästina verstrickt ist. Eine Art Mehlis-Bericht zum Iran wäre
angebracht.
Um sich zu derartigem durchzuringen, hilft es vielleicht, sich hin und
wieder wieder einmal klarzumachen, daß die Vernichtungsphantasien des
Mullah-Regimes zwar vornehmlich gegen Israel gerichtet sind, dieses
damit aber keineswegs ausschließlich gemeint ist. Man wünschte sich bei
der einen oder anderen Stellungnahme verantwortlicher westlicher
Politiker deshalb nicht nur ein mehr oder minder überzeugendes
Bekenntnis zum Existenzrecht Israels - als ob das nicht ohnehin
selbstverständlich wäre -, sondern auch ein paar deutlichere Worte an
die Adresse Irans, daß man Drohungen gegen Israel als einen Angriff auf
alle westlichen Demokratien auffaßt. Man muß eben keine besondere
Vorliebe für den Judenstaat hegen und keine irgendwie gerartetete
"besondere Verantwortung" für denselben empfinden, um von den
aggressiven Gebärden der antiwestlichen Ideologen in Teheran in
höchstem Maße alarmiert zu sein.
Auch sollte man sich ab und an daran erinnern, daß der
Hauptleidtragende der totalitären Phantasmen Ahmadinedschads und seiner
"gemäßigten" Spießgesellen in Teheran die iranische Bevölkerung ist,
der die elementaren Menschenrechte vorenthalten werden, und zwar
zuvörderst den Frauen. Daß Ahmadinedschad wieder so hemmungslos mit dem
"antizionistischen" Säbel rasselt, signalisiert vor allem seine
Absicht, die innenpolitische Repression und Gleichschaltung noch weiter
zu verschärfen. Daß er erst kürzlich die Einfuhr "ausländischer Filme"
verbieten ließ, ist ein weiterer Indikator dafür. Dem Staat Israel mag
das Regime die Vernichtung androhen, zwischen Wollen und Können gibt es
da einstweilen jedoch noch einen erheblichen Unterschied. Die Iraner
hingegen sind den Wahnvorstellungen ihrer Unterdrücker weitestgehend
schutzlos ausgeliefert, und sie sind ganz und gar auf Hilfe aus dem
Westen angewiesen.
In Berlin demonstrierten unterdessen mehrere Initiativen gegen die
deutsche Version der weltweiten "Al-Quds-Tags"-Aufmärsche, und während
sich jahrelang nur eine Handvoll wackerer, zumeist linker Aktivisten
der alljährlich stattfindenden Islamisten-Demo entgegenstemmt hatten,
erhielten sie dieses Mal, unter dem Eindruck des weltpolitischen
Skandals, Zulauf von einigen prominenten Politikern wie Dirk Niebel
(FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Petra Pau (PDS). Besonders bemerkenswert
war die spontane Rede des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer bei der
kleinen Kundgebung der Gegendemonstranten in der Nähe des Berliner
Savignyplatzes. Die Initiatoren des "Al-Quds"-Umzugs brachten dieses
Mal indessen selbst nur 300-400 Teilnehmer auf die Beine, erheblich
weniger als in den vergangenen Jahren. Davon auf einen rückgängigen
Zulauf zu islamistischen Strömungen in Deutschland zu schließen, wäre
jedoch irrig. Die kleine Schar deutet nur darauf hin, daß der
öffentliche Druck inzwischen so groß geworden ist, daß sich nur noch
die Hartgesottensten dorthin trauen. Die große Masse der Sympathisanten
wird ihre Ressentiments nur noch erbitterter im Verborgenen weiter
pflegen. Von daher ist es fraglich, ob es der Sache der Bekämpfung
islamistischer Ideologie eigentlich nutzt, wenn ihre deutlichste
Manifestation, die "Al-Quds"-Demo, schließlich ganz aus der
Öffentlichkeit vertrieben werden sollte.
Erschienen am 31. Oktober 2005
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