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Erklärungen

Maryam Rajavi: Frauen sind die Kraft des Wandels im Iran

Am 24. März war die Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates Maryam Rajavi, die Hauptrednerin auf einer Veranstaltung in der Landesvertretung Saarlands beim Bund in Berlin. Die Veranstaltung befasste sich mit dem Thema des Kampfes iranischer Frauen für einen politischen Wandel im Iran. Zu dem Treffen luden neben den Parlamentarierinnen Anette Hübinger, Katharina Landgraft und Karin Seidel-Kalmutzki auch der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) und die Frauenzeitschrift Ab40 ein.
Im Folgenden lesen Sie den Text der Rede von Frau Maryam Rajavi:



Berlin, 24 mars 2010

Sehr geehrte Parlamentarierinnen, Bürgermeisterinnen, liebe Freundinnen und Schwestern,
ich freue mich, an einer Versammlung gewählter Repräsentantinnen des deutschen Volkes, Intellektueller und Aktivisten der Bewegung für Gleichstellung teilzunehmen, nachdem wir soeben das Fest Nowrouz, das iranische Neujahrsfest, gefeiert haben.

„Nowrouz“ ist als erster Tag im Frühling das größte iranische Fest. Dieses Fest kann als Symbol des Widerstandes gegen Ungerechtigkeit und der Solidarität unter den Menschen gelten. Heute sind dies die Themen des Kampfes der Frauen und des iranischen Volkes gegen das im Iran herrschende Regime.

Ich bin hier bei Ihnen im Namen des Nationalen Widerstandsrates des Iran (NWRI). Dies ist ein Bündnis von Parteien und Persönlichkeiten aus dem gesamten Spektrum von Ethnien und Minderheiten im Iran. Sie finden darin unterschiedliche Meinungen und politische Ziele vertreten. Der Nationale Widerstandsrat des Iran ist eine Alternative zum iranischen Regime. Er ist bemüht, die Diktatur zu beenden und eine Republik zu gründen, die auf Pluralismus, Trennung von Religion und Staat und Gleichheit der Geschlechter basiert. Der NWRI tritt für die Abschaffung der Todesstrafe und einen nicht-nuklearen Iran ein
.
Unsere Meinungen und Programme für Frauen stehen Ihnen in ausführlicher Darstellung zur Verfügung.

Denke ich an unser Thema, die Kraft der Veränderung, halte ich es für angemessen, auf die Bedeutung der Frauen in unserem Widerstand einzugehen. 52 Prozent der Sitze im NWRI gehören Frauen.

Berlin 24 mars 2010 Frauen haben auch Schlüsselrollen in verschiedenen Abteilungen der Widerstandsbewegung inne. Ich muss mich besonders auf Ashraf beziehen, Wohnstätte von 3400 Oppositionsmitgliedern, im Irak 70 Kilometer von der iranischen Grenze gelegen. Ashraf wird von Frauen geführt. Diese Verantwortung auszuüben, ist eine große Herausforderung an die Frauen im Widerstand, denn die Bedingungen, unter denen sie es tun, waren dadurch bestimmt, dass Ashraf Ziel tödlicher Angriffe und zahlreicher Schikanen seitens des iranischen Regimes und seiner Helfer im Irak war.

Es leben 1000 Frauen in Ashraf, die Pionierarbeit leisten. Die meisten von ihnen sind ehemalige Studentinnen, viele mit Abschlüssen an europäischen, US-amerikanischen, kanadischen oder iranischen Universitäten. Etwa 200 von ihnen sind ehemalige politische Gefangene des gegenwärtigen Regimes, die durchschnittlich fünf Jahre lang im Gefängnis inhaftiert waren. Ihre Aktivitäten in den vergangenen dreißig Jahren haben dem Kampf der Frauen und der Jugendlichen für Demokratie und Gleichheit im Iran Kraft und Initiative gegeben.

Ich muss Sie daran erinnern, dass in den vergangenen 30 Jahren Frauen in vorderster Reihe im Widerstand gegen die geistliche Tyrannei im Iran gestanden sind. Im Laufe dieses Kampfes ist eine riesige Anzahl von weiblichen Mitgliedern des Widerstandes hingerichtet oder gefoltert worden. Mir sind namentlich 2700 hingerichtete Angehörige des Widerstandes bekannt.

Für diejenigen, die nur ein wenig über die im Iran herrschende Diktatur gehört haben, ist der Status iranischer Frauen vielleicht ein ungewöhnliches und überraschendes Phänomen, denn im Iran ist ein mittelalterliches Regime an der Macht, das durch Frauenhass charakterisiert ist. Dieses Regime verhängt die grausamsten Arten der Folter und ebenso die unmenschlichsten Strafen wie Steinigung und Augenausreißen. Diese Unterdrückungsmethoden werden hauptsächlich gegen Frauen angewandt.

Hier müssen drei historisch relevante Faktoren erwähnt werden: Erstens blicken iranische Frauen auf eine 150 Jahre dauernde Geschichte des Kampfes gegen Diktatur und der Bemühungen um Gleichheit zurück. In diesem Kampf haben iranische Frauen eine grundlegend neue Rolle in kultureller und intellektueller Hinsicht erworben.

Zum zweiten ist der Frauenhass des Regimes selbst zu erwähnen. Die Mullahs haben die Frauen ihrer Rechte beraubt und ihre Position zu einer Stellung von Bürgerinnen zweiter Klasse herabgewürdigt. Diese katastrophale Unterdrückung hat in den Frauen insgesamt eine ungeheure Energie hervorgerufen.

Der dritte Faktor ist die Existenz eines organisierten Widerstandes mit tiefen Wurzeln in der iranischen Gesellschaft. Das Engagement der Bewegung für die Gleichheit der Geschlechter und ihre historische Initiative dafür, die Führung von Frauen zu akzeptieren, stellt einen Sprung nach vorn in der Entwicklung der Gleichheit in der iranischen Gesellschaft dar, zumal die Organisation der Volksmudschaheddin des Iran (PMOI/MEK) den Kern der Bewegung bildet, eine Organisation, die an eine tolerante Interpretation des Islam glaubt. Der Einsatz der PMOI für Gleichheit hat einen tiefen Einfluss auf muslimische Frauen und Männer ausgeübt, nicht nur im Iran, sondern auch in anderen Ländern der Region.

Diese Faktoren haben sich in den jüngsten Erhebungen im Iran klar gezeigt.
Frauen nahmen zu überwältigend großen Zahlen an Demonstrationen gegen das Regime teil. Sie gehören als aktive Mitglieder zu den ausgedehnten Netzwerken, die die Erhebungen organisieren. Sie führen auch an manchen Stellen die Demonstrationen an, sie erheben sich mutig gegen die Angriffe der Revolutionären Garden des Regimes und ermuntern ihre Mitbürger, an den Protesten teilzunehmen. Sie pflegen die Verwundeten und bleiben in den Gefängnissen des Regimes unter Folter bei ihrem Widerstand.

Ihre Gegenwart bezeugt den progressiven Charakter der Erhebung. Im Ganzen werden deren Richtung und Forderungen, die die Beseitigung des Mullahregimes zum Ziel hat, von der Präsenz der Frauen in der Szene stark beeinflusst.

Auf der Basis einer objektiven Analyse stellen wir fest, dass Frauen eine führende Rolle in den Erhebungen der vergangenen neun Monate gespielt haben. Dies beweist wieder einmal, dass Frauen den Fundamentalisten gewachsen sind und dass diese von Frauen  besiegt werden können.

Liebe Freunde,
ich habe hier kurz dargelegt, warum Frauen die Kraft der Veränderung im Iran sind.

Als Frau und als Sprecherin der wichtigsten iranischen Widerstandsbewegung möchte ich nun einige kritische Gedanken zur Politik des Westens gegenüber dem Iran äußern.

Vor den Erhebungen behaupteten westliche Regierungen, das Regime genieße die Unterstützung des Volkes und sei stabil. Entsprechend war ihre Lösung der Probleme, die Mullahs zu besänftigen, in der Hoffnung, damit eine Mäßigung im Verhalten des Regimes zu erreichen. Dagegen strichen die Mullahs alle Zuwendungen des Westens ein und verschärften noch ihre extremistischen Machenschaften, indem sie nukleare Waffen entwickelten, für den Terrorismus im Ausland arbeiteten und
im Lande Unterdrückung übten.

Die Erhebungen im Iran demonstrierten, wie falsch die Einschätzung des Westens war, wie verletzlich die Mullahs in Wirklichkeit sind und in welchem Maße sie in der iranischen Gesellschaft verachtet werden.

Das iranische Volk hat gezeigt, dass es die Veränderung will und bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Zudem ist eine organisierte Bewegung auf der Szene, die ein demokratisches Programm hat und genügend Unterstützung beim Volk findet. Dennoch hat der Westen seine Politik gegenüber dem Iran faktisch nicht geändert. Doch werfen Sie einen Blick auf die Politik der Europäischen Union einschließlich Deutschlands. Hier wird vorwiegend die Linie der Besänftigung weiterhin befolgt. Diese Politik manifestiert sich in wirtschaftlichen Beziehungen auf breiter Basis. Es kommt sogar vor, dass der Westen technische Hilfe für die Unterdrückung, für die Zensur und den Druck auf die Opposition leistet Dies geschieht auf Verlangen des iranischen Regimes, unter falschen Vorwänden und zweifelhaften Berichten, die von verschiedenen Behörden abgegeben werden, deren Inhalt aber in jedem Fall von den Geheimdiensten des iranischen Regimes stammt.

Solange der Westen seine Politik des Drucks auf den Widerstand und seiner Blockierung beibehält, verfolgen die Mullahs ohne Skrupel ihre unterdrückerische und frauenfeindliche Politik im Innern und setzen ihre Bemühungen um nukleare Waffen sowie ihren Export von Fundamentalismus und Terrorismus fort.

Berlin, 24 mars 2010

Betrachten Sie die offizielle Politik Deutschlands. Es hat dem Widerstand auf Verlangen des Regimes, auf Grund falscher Vorwürfe Beschränkungen auferlegt. Solange die Politik von Druck auf die Widerstandsbewegung und ihrer Einengung anhält, werden die Mullahs ihre extremistische Politik ungestört verfolgen können. Solange der Widerstand behindert wird, können die Sanktionen gegen den Iran sich nicht voll auswirken und daraus zieht das iranische Regime den maximalen Vorteil.

Aus diesem Grunde rufe ich Sie, gewählte Mitglieder des deutschen Volkes, und Sie, meine Schwestern in ganz Deutschland, auf, diese Politik zu ändern.

Wenn Sie den iranischen Frauen helfen, unterstützen Sie die Freiheitsbewegung und tragen erheblich zum Widerstand gegen den islamischen Fundamentalismus bei, also gegen die stärkste Bedrohung der Errungenschaften der Gleichheitsbewegung in der ganzen Welt.

Heute sind viele zu der Ansicht gekommen, dass 15 Jahre nach der Konferenz von Peking eins der stärksten Hindernisse auf dem Weg der Realisierung ihrer Beschlüsse in der Furcht der Regierungen vor dem islamischen Fundamentalismus besteht.

Wie aber kann man den Widerstand der iranischen Frauen am wirksamsten unterstützen?

Zunächst möchte ich Sie bitten, alles zu unternehmen, um die Politik des Westens gegenüber dem Regime zu ändern. Die Veränderung würde sich darin zeigen, dass umfassende Sanktionen gegen das Regime verhängt werden. Insbesondere muss das Korps der Revolutionären Garden auf die Liste der Terroristen gesetzt und ihre in Europa operierenden Einheiten müssen verboten werden.

Zweitens bitte ich Sie dringend, sich darum zu bemühen, dass der NWRI anerkannt wird und die Restriktionen gegen den Widerstand aufgehoben werden.

Angesichts der Drohung des iranischen Regimes und seiner Helfer im Irak, Ashraf und seine Bewohner zu vernichten, rufe ich Sie drittens auf, ihre Unterstützung für die 1000 Frauen in Ashraf öffentlich zu manifestieren. Europa muss die irakische Regierung vor Gewaltanwendung gegen die Bewohner warnen und die Vereinten Nationen ermuntern, die Verantwortung für den Schutz von Camp Ashraf zu übernehmen.

Ich schließe mit einem Tribut an ausgezeichnete deutsche Frauen, die den iranischen Widerstand und besonders die Frauen in Ashraf mit großem Einsatz unterstützt haben. Ich möchte besonders dem Gedächtnis von Frau Ingrid Holzhüter, einer engagierten SPD-Politikerin, meinen Respekt erweisen, die wir im vorigen Jahr verloren haben. Wir werden uns immer an sie als ein hervorragendes Symbol der Verteidigung der iranischen Frauen erinnern.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.