Sunday, December 5, 2021
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Aussagen eines früheren politischen Gefangenen beleuchten neue Aspekte des Widerstandes und der Brutalität der Mullahs beim Massaker von 1988

Die schockieren Aussagen von Ali Zolfaghari, einem früheren iranischen politischen Gefangenen, der beim Prozess von Hamid Noury, einem iranischen Gefängniswärter in den 80er Jahren, aussagte, zeigen neue Aspekte des Massakers von 1988. Die Aussagen von Zolfaghari machen deutlich, wie stark die jungen iranischen Widerstandskämpfer ihre Ideals eines freien demokratischen Iran verteidigten und dafür ihr Leben gaben.
Noury steht derzeit für seine Rolle beim Massaker von 1988 vor einem Gericht in Schweden. Bei dem Massaker wurden 30.000 politische Gefangene hingerichtet.
Ali Zolfaghari wurde 1981 verhaftet, als er 17 Jahre alt war. Er verbrachte 12 Jahre in Haft. Am 20. Oktober teilte er seine Erfahrungen in den iranischen Gefängnissen und beim Massaker von 1988 bei dem Prozess von Hamid Noury in Schweden. Viele Rechtsgelehrte sehen das Massaker als das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert und als Genozid an. Die Mehrheit der Opfer des Massakers von 1988 waren Mitglieder und Unterstützer der Volksmojahedin Iran (PMOI/MEK). Das Massaker fand in wenigen Monaten auf Basis einer Fatwa des damaligen obersten Führers Ruhollah Chomeini statt.
Die Fatwa von Chomeini verurteilte alle politischen Gefangenen zum Tode, wenn sie loyal zu den Werten der MEK bleiben, egal welche Haftstrafen sie erhalten hatten.
Hamid Noury wurde im November 2019 verhaftet, nachdem er in Schweden eingereist war. Er nahm an dem Genozid von 1988 im Gohardasht Gefängnis teil.
Die Aussagen von Ali Zolfaghari vor Gericht zeigten auf, wie die Mitglieder und Unterstützer der MEK gezwungen wurden, entweder die Ideale der MEK zu verteidigen und dafür in den Tod zu gehen oder von diesen Werten Abstand zu nehmen und am Leben zu bleiben. 90% der Gefangenen wählten die erste Option und gaben somit ihr Leben für die Freiheit im Iran.
Alle Gefangenen traten vor sogenannte „Todeskommissionen“, welche über ihr Schicksal entschieden. In dem Komitee wurde meist nur eine Frage gestellt:“ Was war ihre Anklage?“. Wenn ein Gefangener sagte, dass er die MEK unterstützt, wurde er sofort an den Galgen geschickt. Wenn ein Gefangener „Monafeqin“ oder Heuchler (Begriff des Regimes für die MEK) sagte, dann wurden die Gefangenen weiter befragt. Dann wurde gefragt, ob man mit dem Regime kooperieren will, die Identität anderer Gefangener enthüllt oder an ihrer Hinrichtung teilnimmt. Diese Befragung dauerte in der Regel zwei bis drei Minuten.

Wahl zwischen Leben und Tod

Ali Zolfaghari stand selbst vor einer Todeskommission. Er sagte gegenüber dem Gericht:“ Wir wurden gezwungen, zwischen Leben und Tod zu entscheiden. Wenn man seine Ideale verteidigen wollte, wählte man den Tod und leider entschloss ich mich, am Leben zu bleiben. Diejenigen, die an ihren Idealen festhielten, starben. Ich war in so einer grauenvollen Situation. Ich kann diese Situation nicht mit Worten beschreiben“, ergänzte er.
„Vor dem Treffen mit der Todeskommission sagte uns Gholamreza Hassanpour, ein MEK Unterstützer, der nach dem Massaker von 1988 hingerichtet wurde:“ Sie werden alle von uns hinrichten. Es liegt an euch, welche Position ihr wählt.“, sagte Zolfaghari.
„Die einzige Sache, die mich viele Jahre danach am Leben hielt, war, die Ideale der massakrierten Gefangenen weiter zu tragen und ihre Stimme zu sein. Ich möchte die Stimme der 30.000 hingerichteten politischen Gefangenen sein“, sagte Zolfaghari.
Zolfaghari sagte auch aus, dass Hamid Noury ihn und zehn weitere Gefangene vor die Todeskommission führte. Laut Zolfaghari war dies am 1. August 1988. „In der Mitte des Tages kam Noury zu mir und flüsterte mir ins Ohr:“ Ist der Name deines Vaters Abdollah?“ Dann brachte er mich zur Todeskommission. Naserian, der Gefängniswärter, empfing mich dann vor einer Tür und führte mich in einen Raum. Er befahl mir, mich dort auf einen Stuhl zu setzen. Dann wurden mir die Augen verbunden. Ich brauchte eine Weile, um mich wieder an das Licht zu gewöhnen, als man mir nach geraumer Zeit wieder die Augenbinde abnahm. Dann sah ich einige Mullahs und eine Gruppe von Leuten in Zivil, die vor mir saßen.“
Sie fragten nach meinem Namen, den Namen meines Vaters und weswegen ich angeklagt wurde. Als sie mich nach meiner Anklage fragten, wusste ich, dass es jetzt um meine Hinrichtung geht. Ich zögerte einen Moment. Ich konnte meine Ideale nicht verteidigen und gab dem Druck nach. Doch ich habe nicht vergessen, wie viele Menschen gehängt wurden, die weiter die MEK unterstützt haben. Ich habe das nicht und ich überlebte und ich bedauere es bis heute. Nayeri, der Leiter der Todeskommission, sagte danach zu mir: Geh raus und schreib auf, was du gesagt hast. Ich habe die schwerste Entscheidung meines Lebens getroffen“, sagte Zolfaghari.

„Ich hörte von Nasserian, dass sie MEK Gefangene massakrieren“

„Als ich im Todeskorridor saß, sah ich Nasserian, wie er einen Stift gegen eine Wand drückte und sagte:“ Heute ist das Ashura der MEK. Jeder, der die Bedeutung von Ashura verstand, wusste, dass damit das Massaker an allen MEK Gefangenen gemeint ist. Nasserian war sehr glücklich.“, sagte Zolfaghari.
„Am selben Tag riefen sie mehrfach Namen und brachten die Gefangenen zu einem Ort. Davoud Lashkari, ein Gefängniswärter, Nasserian und Hamid Noury riefen Namen auf und brachten die Gefangenen nach Hussainieh (Ort für Trauernde), um sie dort hinrichten zu lassen. Zu den Hingerichteten gehörten Farzin Nosrati, Hamid Karkooti, Ebrahim Choobdar, Ahmad Moravej und Gholamreza Ghazanfarpour-Moghadam,
„Einer unser Zellenkollegen hatte in den USA studiert und er kannte den Morsecode sehr gut. Er verbrachte zwei Jahre in Einzelhaft und lernte ihn dort. Er war für den Morsecode verantwortlich. Ich passte auf, als er mit den anderen Zellen über diesen Morsecode kommunizierte. Ich fand heraus, dass Ebrahim Akbari-Sefat, der aus der gleichen Stadt wie ich kam, in einer benachbarten Zelle saß. Ich kannte ihn seit 1980. Er war der einzige Sohn einer sehr armen Familie. Er hatte nur noch einen Monat seiner Haftstrafe abzusitzen, bis er entlassen werden sollte. Ich war sehr eng mit seiner Familie verbunden. Sein Vater machte mich immer verlegen, wenn er in meinen Laden kam und mir sagte, dass ich ihn an seinen ermordeten Sohn erinnere.“, sagte Zolfaghari.
„Eine Woche später kamen Gefängniswärter. Wir mussten uns in einer Reihe aufstellen und dann wurden wir in den Todeskorridor gebracht. Es waren dort viele Gefangene und es gab für uns keinen Platz mehr. Ich konnte mich kaum neben einen anderen Gefangenen setzen. Wir wussten, dass ein Massaker abläuft und sie beglichen nun eine Rechnung, die sie uns schon seit Jahren angedroht hatten. Sie hatten uns vorher noch gesagt, sie würden uns nun aus dem Gefängnis entlassen. Ich fragte den Gefangenen, der neben mir saß, wie er heißt. Er sagte, er ist Behrooz Shahmogheni. Er war aus Teheran und er war sehr mit dem Widerstand verbunden. Ich sagte ihm, er soll vorsichtig sein, weil alle hingerichtet werden. Er sagte mir, dass er bereits vor Gericht die MEK verteidigt hätte, egal was kommen mag. Er sang den Song „Iran Zamin“ für mich. Dann wollte er wissen, wie stark ich zu meinen Idealen stehe und ob ich bereit bin, dafür zu sterben. Hamid Abbassi (Noury) kam zu uns, trat Behrouz und sagte ihm, dass er ihn umbringen wird. Er zog Behrouz hoch und nahm ihn mit sich. Ich habe Behrooz nie wieder gesehen.“
„Da war ein weiterer Gefangener. Ich fragte ihn, wer er ist und er sagte, er ist Hadi Mohammadnejad. Das Regime hatte seine drei Brüder gehängt und auch er wurde später hingerichtet.“
„Dann brachten sie mich zu dem Todeskomitee. Als ich vor ihm saß, begann die Zeit für die Predigt. Nayeri sagte:“ Lasst uns predigen und dann essen wir Mittagessen und dann machen wir weiter. Ich wurde wieder aus dem Raum gebracht. Während des Tages fragte mich Nasserian mehrere Male, ob ich vor das Gericht getreten bin und ich sagte ihm, dass ich das getan habe.“
„Ich wurde in Einzelhaft gesteckt und dort blieb ich, bis das Massaker vorbei war. Er war sehr hart für mich. Man wird nur einmal hingerichtet, doch ich wartete Tag für Tag auf meine Hinrichtung, es war eine schreckliche Qual. Ich wartete einen Monat lang darauf, dass sie mich an den Galgen führen. Leider kannte ich den Morsecode nicht und so konnte ich nicht mit den anderen Zellen kommunizieren. In meiner Zeit in Einzelhaft kamen einige Male Wärter in unsere Zellen, schlugen uns und forderten uns auf, Massoud Rajavi zu beleidigen. Nach einem Monat wurde ich in eine andere Zelle gebracht. Nur noch 150 von uns waren im gesamten Gohardasht Gefängnis am Leben geblieben.“
„Als ich ins Evin Gefängnis verlegt wurde, sagten uns die Wärter, dass wir alle hätten hinrichten sollen. Ich wünschte, ich wäre hingerichtet worden, denn seitdem lebe ich unter großem moralischem Druck.“