Wednesday, January 19, 2022
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Das Massaker von 1988 im Iran: Erster Gerichtstermin in Albanien im Prozess gegen Hamid Noury. Die Zeugenaussage von Mohammad Zand


Erster Gerichtstermin in Albanien im Prozess gegen Hamid Noury. Die Zeugenaussage von Mohammad Zand

Der frühere iranische politische Gefangene Mohammad Zand hat am Mittwoch im Prozess gegen Hamid Noury alias Abbassi in Albanien ausgesagt. Das Verfahren gegen Noury wurde von Schweden nach Albanien verlagert, um die Zeugenaussagen von 7 Mitgliedern der Mojahedin-e Khalq (MEK) in Ashraf 3 anzuhören. Eines davon ist Mohammad Zand.
Hamid Noury wurde 2019 festgenommen wegen seiner Rolle im Massaker von 1988 an mehr als 30 000 politischen Gefangenen. Diese sieben MEK Mitglieder bezeugten Nourys kriminelles Verhalten während des Massakers im Ghezelhesar Gefängnis.
Im Sommer 1988 wurden mehr als 30 000 politische Gefangene, zumeist Mitglieder der MEK, von den sogenannten „Todeskommissionen” und auf der Grundlage von einer Fatwa des damaligen Obersten Führers Ruhollah Khomeini zur Hinrichtung verurteilt. Der derzeitige Präsident des Iran Ebrahim Raisi war ein Schlüsselmitglied der Teheraner „Todeskommission“, die damit beauftragt war, die „standhaften“ MEK Mitglieder zu identifizieren und sie zum Tod zu verurteilen. Hamid Noury war einer der Gefängnisbeamten, die in diesem Massaker aktiv waren.
Iran: Eine Fatwa , die 30 000 politischen Gefangenen im Massaker von1988 das Leben nahm

In den folgenden Abschnitten werden einige Auszüge aus Mohammad Zands schockierender Zeugenaussage wiedergegeben.
Mohammad Zand wurde 1981 verhaftet und verbrachte 11 Jahre im Gefängnis für die Unterstützung der MEK. Sein Bruder Reza Zand wurde während des Massakers von 1988 hingerichtet.
„Ab 28. Juli 1988 gab uns die Gefängnisverwaltung keine Zeitungen mehr“, erklärte Mohammad Zand. Als Zand und einige andere Gefangene sich gegen diese Entscheidung wandten, wurden sie geschlagen, sagt er.
„Davud Lashgari [ein Folterer] holte uns aus der Zelle und in den Flur. Er verband uns die Augen und fragte uns, weshalb wir angeklagt seien. Sobald wir sagten, dass wir Unterstützer der MEK seien, begannen die Wärter damit, uns zu schlagen“, erzählt Zand.
„Ein Gefängniswärter mit Namen Davud, der militärisch ausgebildet war, trat mir stark auf den Fuß und brach mir einen Zeh. Eine Stunde lang haben sie uns geschlagen“.
Nach einer Stunde mit Schlägen, so Zand, stellte Lashgari die gleiche Frage über ihre Anklage. Als sie sagten: „MEK Unterstützer“, antwortete er: „Geht zurück in eure Zellen. Am Donnerstag kommen wir zu euch“.
Das Massaker von 1988 an politischen Gefangenen im Iran: Berichte von Augenzeugen, Mohammad Zand

„Als ich in meinen Trakt zurückkehrte, ging es mir schlecht. Mein Bruder Reza sah mich und meinte zu mir: Du bist sehr krank. Ich fiel um und Gholam-Hossein Eskandari und Ramin Ghasemi halfen mir dabei, unter die Dusche zu gehen. Dort übergab ich mich. In dieser Nacht musste ich versuchen, trotz der Schmerzen zu schlafen“, so Herr Zand.
„Am Freitag, dem 29. Juli, stellten sie den Fernseher ab und erlaubten nicht mehr, an die frische Luft zu gehen. Mein Bruder Reza Zand ging zu Mahmoud Royayie und sagte zu ihm, dies gehe über die übliche Drangsalierung hinaus. Wir müssten protestieren“, fügte er hinzu.
Reza Zand war 21 Jahre alt und Student am College für Technologie. Er wurde im September 1981 zusammen mit seinem Freund Parvis Sharifi festgenommen. Beide wurden während des Massakers von 1988 hingerichtet.
Als Mohammad Reza Zand Reza fragte, warum er denke, dass die Situation nicht normal sei, antwortete dieser: „Erinnerst du dich nicht, was sie mit Masoud Moghbeli gemacht haben?“. Moghbeli wurde im März 1988 zum sogenannten „Gemeinsamen Komitee“ gebracht, um frei gelassen zu werden. Die Behörden forderten ihn auf, ein Interview zu geben, was er verweigerte. Da sagten sie zu ihm: „Demnächst kommen wir zu dir“.
„Bei unserem letzten Treffen mit unserer Mutter sagte Reza zu ihr, du wirst mich nicht wiedersehen. Dieses Regime wird uns nicht frei herumlaufen lassen“, so Zand weiter.
„Am 30. Juli kam der Gefängniswärter herein und rief acht Namen auf, darunter war der von Reza. Er gab mir seinen Ring und seine Gebetskette und meinte zu mir, ich solle sie als Erinnerungsstück an ihn behalten. Ich wollte sie nicht annehmen, Da gab er sie einem anderen Gefangenen mit den Worten: ‚Lebt wohl. Mit uns ist es vorbei‘“.
Etwa um 11 Uhr abends sah Hassan Ahrafian, auch ein MEK Unterstützer, Lashgari und verschiedene Beamte in Zivil mit einer Schubkarre voller Seile. Später sah Zand sie auch selbst.
„Zwei oder drei Stunden später hörten wir Rufe „Tod den Monafegh“ [ein abwertender Ausdruck des Regimes für die MEK Mitglieder]“, erinnert sich Zand.
„Die Hinrichtungen fingen am 30. Juli 1988 an. Zuerst richteten sie Gefangene hin, die aus Maschhad gebracht worden waren, darunter Jafar Hashemi und Dr. Mohsen Ghafour Maghrebi. Diese Gefangenen verteidigten offen ihre Identität als MEK Unterstützer“.
„Am 30. Juli haben sie die hingerichtet, die sich weigerten Interviews zu geben, darunter Halal Layeghi und Mahshid Razaghi. Letzterer war Mitglied der Nationalmannschaft der Soccer im Iran. Am 31. Juli kam der Wärter und holte die Gefangenen aus Karadsch. Das waren: Mehrdad Samadzadeh, Mehrdad Ardebili, Hossein Bahri, Zeinolabedin Afshun, Mohammad Farmani und Ali Osati, mit dem ich eng befreundet war“, gab Zand zu Protokoll. Laut Zand wurden sie alle später hingerichtet. Herr Zand weiter:
„Am 5. August brachten sie Gholamhossein Feiz in unseren Trakt. Er berichtete, die Hinrichtungen hätten begonnen und er habe das beim Aufenthalt in der Einzelzelle in Erfahrung gebracht“. Gholamhossein Feiz zu Zand: „Wenn sie mich vor die Todeskommission stellen, werde ich meine Unterstützung der MEK verteidigen“. Feiz wurde am 6. August hingerichtet.

Die erste Begegnung mit der Todeskommission

Kurze Zeit später wurde Zand vor die „Todeskommission“ gebracht. Dort stellte Hossainali Nayeri die Frage, ob sie die Vergebung von Khomeini wollten oder nicht.
„Ich antwortete, meine Strafzeit sei bald zu Ende, und fragte: Warum habt ihr meinen Bruder hingerichtet? Er wäre in drei Jahren frei gelassen worden“. Zand wurde dann in einen anderen Flur gebracht. „Dort konnte ich die Stimmen von Lashgari, Hamid Abbasi [Noury] und Naserian hören“.
„Lashgari kam und rief verschiedene Namen auf und brachte die Aufgerufenen zum Amphitheater, wo die Gefangenen hingerichtet wurden. Sie holten Nasser Mansouri zum Galgen, obwohl er gelähmt war“. Das Amphitheater oder „Hossainieh“ wurde später bekannt als „Todeshalle“.
„Etwa eine halbe Stunde später sah ich Mahmoud Zaki. Ich fragte ihn: Was hast du gesagt, als sie dich nach deiner Anklage gefragt haben. Er antwortete: ‚Ich bin MEK Unterstützer‘. Später sagte er uns: „Die Tötungen haben angefangen. Meine Pflicht ist, meine Identität als MEK Unterstützer zu verteidigen‘. Ali Haghverdi, der auch zu uns gehörte, sagte dasselbe“.

Die zweite Begegnung mit der Todeskommission

Zand: „Am 13. August wurde ich wiederum vor die „Todeskommission“ gebracht“. Leider konnte ich meine Identität als MEK Unterstützer nicht verteidigen. Als ich mich später der MEK im Irak anschloss, erzählte ich ihnen, was ich gesehen habe, und entschied mich dafür, den Kampf für die Freiheit fortzuführen“.
Zand wurde später in Einzelhaft gebracht und verbrachte dort etwa drei Monate. Er wurde in den allgemeinen Trakt gebracht und die erste Person, die er dort sah, war Mahmoud Royaie. „Soweit ich weiß, bist du der letzte“, sagte Mahmoud zu Zand. „Es gab vorher 160-170 Gefangene in dem Trakt. Von allen den Gefangenen in Gohardasht sind nur diese wenigen geblieben“.
„Zehn Tage später durfte ich meine Eltern und meine Schwester treffen. Als sie mich fragten, wo Reza sei, sagte ich zu ihnen: Geht und fragt sie“.
Nach ein paar Tagen, riefen sie meinen Vater und sagten ihm, er solle mit Rezas Identifikationspapieren ins Evin Gefängnis gehen. Er ging ohne diese Papiere ins Gefängnis. Sie gaben ihm eine Tasche, ein Hemd und eine Uhr. Reza hatte seine Uhr zerbrochen, als sie zehn Uhr anzeigte, um mitzuteilen, um wie viel Uhr er hingerichtet worden war“.
Die Behörden des Regimes versuchten, Zands Vater einzuschüchtern und empfahlen ihm, keinerlei Gedenkfeier abzuhalten, und sie wollten ihn zwingen, ihnen Rezas Identifikationspapiere zu geben. „Als er sich weigerte, fingen sie damit an, ihn zu schlagen, und eine Scheinhinrichtung an ihm vorzunehmen. Aber er erklärte: ‚Richtet mich hin, dann folge ich meinem Sohn‘“.

Zur Zeit des Gerichtstermins haben sich mehrere Überlebende des Massakers von 1988 und Angehörige der Opfer vor dem Gerichtsbezirk von Durres versammelt. Sie haben der Presse ihre Geschichten erzählt und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit des Regimes verdeutlicht.
Die MEK Mitglieder in Ashraf 3 hielten eine Versammlung zum Gedenken an die Märtyrer des Massakers von 1988 ab, auch parallel zu Hamid Nourys Prozess. Einige politische Gefangene sprachen bei dieser Veranstaltung und gaben wieder, was sie in den Kerkern des Regimes erlebt hatten. Es gibt hunderte iranische frühere politische Gefangene in Ashraf, von denen viele bereit waren, im Prozess gegen Noury ihre Zeugenaussagen zu machen. Wegen der zeitlichen Begrenzung wurden in dem Verfahren aber nur wenige wie Mohammad Zand als Kläger akzeptiert.