Thursday, January 27, 2022
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Ich habe bei einem Massaker überlebt, das die Welt ignorieren wollte


Opfer des Massakers von 1988 im Iran

Von Asghar Mehdizadeh

Es sind jetzt drei Monate her, seit Ebrahim Raisi als Präsident des iranischen Regimes inauguriert wurde. Ich war entsetzt, als ich sah, dass ein großer Teil der internationalen Gemeinschaft sich immer noch ausschweigt über seine lange Geschichte an Verletzungen der Menschenrechte, auch nachdem zahllose Mitglieder der iranischen Diaspora versucht haben, auf seinen Ruf als „Schlächter von 1988” aufmerksam zu machen.
Das war das Jahr, als 30 000 politische Gefangene in Gefängnissen im ganzen Iran systematisch hingerichtet wurden. Es war auch zur Halbzeit meiner 13 Jahre langen Haft, die aus meinem Aktivismus im Namen der Organisation der Volksmudschahedin des Iran (PMOI/MEK) herrührte. Diese Verbindung machte mich zum erstrangigen Ziel der „Todeskommissionen“, die mit dem Massaker von 1988 beauftragt waren. Es ist nahezu ein Wunder, dass ich das überlebt habe, da ich in der ganzen Zeit dieses Massakers im Gohardasht Gefängnis interniert war, wo Raisi einen erheblichen Einfluss hatte.
Nur sehr wenige meiner Zellengenossen und Mitgefangenen aus politischen Gründen waren so glücklich. In Anbetracht alles dessen, was ich persönlich in all jenen Wochen erlebt habe, sollte es für eine Person leicht sein, das zu hören und sich die Hölle vorzustellen, die den Hinrichtungen so vieler Wochen voranging.
Jahre bevor es mit dem Massaker ernst wurde, wurde ich Zeuge des Todes durch die Folter eines Mit-Aktivisten, die zur Zeit meiner Verhaftung 1982 mit mir zusammen war. In den Folgejahren starben andere auf ähnliche Weise und außerdem drohten die Beamten mich mit einem Schießkommando zu töten statt eines Todesurteils. Im Rückblick betrachtet waren solche Drohungen und wirklichen Tötungen Vorzeichen des Massakers, das sich damals abzeichnete – ein Massaker, das eingeleitet wurde von einer Fatwa, die die MEK ins Visier nahm.
Mit diesem Edikt hat der damalige Oberste Führer Ruhollah Khomeini alle Mitglieder der führenden Oppositionsgruppe als Feinde Gottes gebrandmarkt und alle untergebenen Funktionäre aufgefordert, sie ohne Gnade und ohne Aufschub zu töten. Ebrahim Raisi hat eine Schlüsselrolle gespielt bei der Ausführung dieser Anordnung als einer von vier Funktionären in der Teheraner Todeskommission. Dieses Gremium hatte die direkte Aufsicht über die Hinrichtungen im Gohardasht Gefängnis und auch im Evin Gefängnis und ebenso dabei, das Tempo zu bestimmen bei den Verfahren in allen anderen Hafteinrichtungen im ganzen Land.
Dieses Tempo war äußerst schockierend damals und hätte im Nachhinein wirklich als unglaublich angesehen werden können, wenn es das Zeugnis von Überlebenden wie mir ebenso wie die unermüdlichen Bemühungen der MEK, Details des Massakers aufzudecken und die internationale Aufmerksamkeit darauf zu lenken, nicht gegeben hätte. Ich war selbst Zeuge davon, dass 15 Gruppen von zwischen 20 und 25 Gefangenen in die Todeshalle des Gohardasht Gefängnisses gebracht wurden. Als ich selbst hineingebracht wurde, verlor ich das Bewusstsein beim Anblick von einem Dutzend Gefangenen, die gleichzeitig auf einer erhöhten Plattform erhängt wurden.
Das Massaker von 1988 an politischen Gefangenen im Iran: Augenzeugenberichte, Ashgar Mehdizadeh

Es gibt zahllose Geschichten wie die meine ebenso wie andere Geschichten, die nie mehr erzählt werden. Bestimmte Gefängnisanstalten und politische Trakte wurden während des Massakers von 1988 vollkommen von allen Insassen geleert, so dass niemand übrig blieb, um Bericht zu erstatten sowohl über das Ausmaß der Tötungen dort oder die Brutalität des Vorgehens, das dem zugrundelag. Die MEK hat weite Wege zurückgelegt, um das größtmögliche Maß an Informationen zusammenzustellen, das heute zur Verfügung steht, aber sie hat auch lange betont, dass es einer Kommission der Vereinten Nationen für die Untersuchung darüber bedarf.
Dieses Erfordernis ist umso drängender geworden nach Raisis Ernennung zur Präsidentschaft. Nach einer formellen internationalen Untersuchung wäre gewiss die Bühne bereitet für Raisis Strafverfahren am Internationalen Strafgerichtshof. Ohne eine solche Untersuchung und des sich daraus ergebenden Strafverfahrens wäre die Raisi Administration und das ganze iranische Regime einem stärkeren Ausmaß von Straflosigkeit überlassen als je zuvor und das würde es ausnützen auf eine Art, die dem iranischen Volk schweren Schaden zufügen und die Chancen dafür verringern würde, dass irgendjemand zur Verantwortung gezogen wird für eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit dem Zweiten Weltkrieg.
Jetzt schon sind die Chancen für eine volle Verantwortlichkeit etwas vermindert durch die Bemühungen des iranischen Regimes, die Orte geheimer Massengräber zu zerstören, wo viele der Opfer des Massakers verscharrt sind. Amnesty International und andere Menschenrechtsgruppen haben wiederholt vor diesem Phänomen gewarnt und gesagt, dass es mit jedem Jahr, das vergeht, schwieriger wird, eine volles Bild über das Massaker zu entwickeln. Das Schweigen der internationalen Gemeinschaft wird ohne Zweifel das Regime darin bestärken, diesen Prozess zu beschleunigen.
Schlimmer noch, ein solches Schweigen wird außerdem Raisi und andere Amtsträger darin bestärken, das derzeitige Muster der politischen Repression auszuweiten, das viele Iraner geistig zurückversetzt in die Zeit des Massakers von 1988. Die Welt hatte einen flüchtigen Blick auf die Folgen des Schweigens, als Raisi 2019, nachdem er mehrere Monate zuvor zum Chef der Justiz ernannt worden war, bei Schlüsselaspekten einer Niederschlagung eines landesweiten Aufstands das Heft in der Hand hielt, die Todesschüsse gegen 1500 friedliche Protestierer und die systematische Hinrichtung vieler anderer erlebte.
Wenn ich an solche Vorfälle denke, werde ich einmal mehr an meinen eigenen Leidensweg in den 1980er Jahren erinnert. Niemand hat eine solche Quälerei oder auch nur die Anwesenheit dabei verdient, am allerwenigsten die, die das als Folge davon tun, dass sie ihre politischen Überzeugungen geäußert oder eine demokratische Regierungsart befürwortet haben. Ich weiß, dass alle westlichen Politiker dem im Prinzip zustimmen, aber ich weiß auch, dass sie diesem Prinzip den Rücken zukehren, wenn sie nicht schnell handeln, damit das Massaker von 1988 ordnungsgemäß untersucht und Ebrahim Raisi für seine Rolle zur Verantwortung gezogen wird.