Sunday, January 23, 2022
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Maryam Rajavi: „Die religiöse Diktatur wird gestürzt werden“

INTERVIEW: Die Chefin der iranischen Exil-Opposition, MaryamRajavi, warnt Europa und die USA vor zu großer Nachgiebigkeit gegenüber der Teheraner Regierung

(Die Rheinpfalz – 11. Februar 2015) –  Der 11. Februar ist in Iran Staatsfeiertag: Es wird der Revolution gedacht, die 1979 das Ende der Diktatur des Schahs brachte. Zu den führenden Kräften des Umsturzes gehörten die Volksmodjahedin. Deren aktuelle Präsidentin ist Maryam Rajavi. Sie führt von Paris aus die Exil-Opposition gegen die Diktatur der Mullahs, welche sich schon bald nach der Revolution an der Macht festsetzte. Mit Rajavi unterhielt sich unser Redakteur Ilja Tüchter.

Frau Rajavi, wo waren Sie am 11. Februar 1979?

Maryam Rajavi: An jenem Tag und an den Tagen davor war ich in Teheran. Während Ayatollah Khomeini gleich darum bemüht war, die Jugend, die die Hauptkraft der antimonarchistischen Revolution war, in den Hintergrund zu drängen, haben wir unmittelbar nach dem Sturz der Diktatur am 11. Februar damit begonnen, die freiheitsliebende Jugend, insbesondere die Studenten zu organisieren. Das tat ich zusammen mit einigen Mitgliedern der Organisation der Volksmodjahedin, von denen manche gerade erst aus den Geheimdienst-Gefängnissen des Schahs entlassen worden waren.

Hätten Sie damals gedacht, dass sich Iran zu einem neuen Unrechtsstaat statt zu einer Demokratie entwickeln würde?

Maryam Rajavi: Von den neuenMachthabern und von Khomeini selbst wussten wir, dass sie rückschrittlich und antipluralistisch waren und ihre eigene reaktionäre Interpretation des Islam hatten. Aus diesem Grund haben wir alles daran gesetzt, durch Aufklärung und Organisierung der Menschen, soweit es ging, dieses Wesen deutlich zu machen und den Beginn von Unterdrückung und Repressalien zu verhindern. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine neue Diktatur hundertmal blutiger als die vorige herrschen würde. Schon zwei Jahre nach der Rückkehr Khomeinis saßen Tausende Regimekritiker in Haft. Im Juni 1981, sprich nur 28 Monate nach der Machtübernahme der neuen Herrschaft, begannen die Mullahs eine ganze Generation zu vernichten. Im Teheraner Evin-Gefängnis hörte man an manchen Tagen 400 Schüsse, die 400 Hinrichtungen bedeuteten.

Sie selbst flüchteten und führen den Nationalen Widerstandsrat an, der 1981 gegründet wurde. Ihr Kampf gegen das Mullah-Regime dauert also schon 34 Jahre. Zweifeln Sie manchmal daran, dass Sie eines Tages in Ihre Heimat zurückkehren können?

Maryam Rajavi: Nein, niemals habe ich daran gezweifelt, dass die religiöse Diktatur in Iran durch das iranische Volk und dessen Widerstand gestürzt werden wird und alle, die im Kampf gegen dieses Regime ihre Heimat verlassen mussten, ins Land zurückkehrenwerden.

Für was für einen Iran treten Sie ein?

Maryam Rajavi: Wir sind für eine Republik auf der Grundlage des Laizismus, des Pluralismus und der Gleichstellung von Mann und Frau, eine Gesellschaft, basierend auf den Menschenrechten, eine Gesellschaft, die Todesstrafe und Folter abgeschafft hat, die die unsinnige Scharia der Mullahs zu den Akten gelegt und der Atomrüstung eine Absage erteilt hat. Unser Ziel lässt sich in dreiWorten zusammenfassen: Freiheit, Demokratie und Gleichheit. Dieses Ziel hat die Kraft des Sieges in sich.

Die US-Regierung scheint ernsthaft die Annäherung an Teheran zu wollen, und wegen des Islamischen Staats ist sogar die Rede von einer Militärkooperation mit den Iranern in Irak. Was erwarten Sie von Präsident Obama oder auch Kanzlerin Merkel?

Maryam Rajavi: Die Annäherung an die Mullahs zur Bekämpfung des IS ist eine katastrophale Erfahrung. Das iranische Regime ist doch der schlimmste Faktor für Instabilität in der Region. Es ist die Quelle des Terrorismus und Fundamentalismus. Die Kommandeure der Revolutionsgarde reden heute mit Stolz darüber: „Wir haben eine Hisbollah-Gruppe in Libanon, aber viele andere Hisbollahs in Jemen und Irak und anderswo.“ Wenn die Mullahs Iran nicht beherrschen würden, wäre dem IS in Irak niemals ein solcher Raum für Zuwachs entstanden. Meine Erwartung an Kanzlerin Merkel ist, dass sie die Führung einer internationalen Initiative zur Eindämmung dieser Gefahr übernimmt, einer Gefahr, die sich nicht auf Irak und Syrien beschränkt, sondern weite Teile der Welt, bis nach Südamerika, erreicht hat.

Auch Europa ist mit dem islamischen Fundamentalismus konfrontiert. Ihre Bewegungwarnt seit Jahren davor.

Maryam Rajavi: Der islamische Fundamentalismus ist eine autoritäre Ideologie, die ihr Überleben in der Frauenfeindlichkeit, in religiöser Diskriminierung und im Export von Terrorismus  sucht. Die Geburtsstunde dieses politischen Islams war die Machtergreifung Khomeinis in Iran. Dieses Phänomen ist in der Folge der Revolution von 1979 zur treibenden Kraft für Fundamentalismus in allen islamischen Ländern geworden. Die Antithese dazu ist ein demokratischer und toleranter Islam, an den wir glauben. Ein Islam, dessen Botschaft Barmherzigkeit und Freiheit ist.

Bis Ende März, vielleicht auch Ende Juni soll ein Abkommen über Irans Atomprogramm stehen. Die Volksmodjahedin haben wiederholt enthüllt, dass Iran nicht die Wahrheit über sein Nuklearprogramm sagt. Wo steht das Programm nach Ihren Informationen?

Maryam Rajavi: Die Mullahs stehen an der Schwelle, die Bombe herstellen zu können. Jedes Nachgeben der internationalen Gemeinschaft führt dazu, dass Ali Khamenei abermals seinen Betrug fortsetzt.

Ayatollah Ali Khamenei, Khomeinis Nachfolger, bleibt der entscheidende Mann in Iran. Wegen einer Krankheit gibt es aber Gerüchte über einen Machtkampf um seine Nachfolge. Haben Sie Hinweise darauf?

Maryam Rajavi: Der regimeinterne Machtkampf geht weit über die Frage der Krankheit von Khamenei hinaus. Die Spitze der Herrschenden ist tief gespalten.

Seit der Wahl von Präsident Hassan Ruhani 2013 scheint sich zumindest die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren. Sie sagen, das ist ein Trugschluss?

Maryam Rajavi: Ja, wenn wir die Entwicklungen 2014 mit denen der letzten Jahre vergleichen, sehen wir einen Anstieg der Protestbewegungen. Die Offiziellen sprechen von mehr als 3000 Protestaktionen, hauptsächlich von Arbeitern, Studenten und Lehrern. Die Unterdrückung und die Menschenrechtsverletzungen – unter anderem 1200 Hinrichtungen in der Amtszeit von Präsident Hassan Ruhani – haben sich intensiviert, die Familien sind ärmer geworden. Die Arbeitslosenrate beträgt nach einer internen Statistik des Mullah-Regimes 41 Prozent!