Sunday, January 23, 2022
StartNachrichtenWiderstandZeugenberichte in Albanien machen das Ausmaß des Massakers von 1988 deutlich

Zeugenberichte in Albanien machen das Ausmaß des Massakers von 1988 deutlich

Der Prozess gegen Hamid Noury, einem früheren iranischen Gefängniswärter, wird in den nächsten Tagen in Stockholm fortgesetzt, nachdem schwedische Staatsanwälte nach Durres in Albanien gereist waren, um dort Augenzeugenberichte von sieben Personen aufzunehmen, die jetzt in einer Anlage in Albanien leben, welche 2016 die Volksmojahedin Iran (MEK) aufgebaut hatten. Die MEK ist die führende Stimme für einen demokratischen Iran und war 1988 das primäre Ziel des systematischen Massakers an politischen Gefangenen, an dem auch Noury teilnahm.
Jeder der Augenzeugen in Durres sowie andere Augenzeugen in Stockholm haben über ihre Interaktionen mit Noury vor, während und nach dem Massaker von 1988 berichtet. Hassan Ashrafian beschrieb Noury als einen Wärter, der bereits ein Jahr vor dem Massaker andere Wärter anwies, politische Gefangene zu schlagen, von denen man annahm, dass sie in Verbindung mit der MEK stehen. Er betonte, dass Noury oft an der Seite von Mohammad Moghiseh, dem Leiter des Gohardasht Gefängnisses, zu sehen war. Dieser prahlte später mit dem Ausmaß der Ermordungen und sah es als Potential für eine Fortsetzung des Massakers in der Zukunft an.

Das Massaker von 1988 an politischen Gefangenen im Iran: Augenzeugenbericht Hassan Ashrafian

„Wir haben sie alle getötet und wir werden den Rest von euch später töten“, zitierte Ashrafian die Aussagen von Moghiseh vor einer kleinen Gruppe von Überlebenden in Gohardasht. „Die Ära, wo ihr Proteste und Streiks abhalten konntet, ist vorbei. Denkt nicht, dass unsere Hände gebunden sind. Wir können den Rest von euch jeder Zeit hinrichten, wenn wir es wollen.“
Ein weiterer Überlebender, Akbar Samedi, sagte vor dem Gericht in Durres aus, dass er persönlich von Noury inmitten des Massakers bedroht wurde und dass er später festgestellt habe, dass Noury sich darüber beschwert hatte, dass Samedi und andere „unter den Fingern der Gefängnisleitung durchgerutscht sind“. Die lässt darauf schließen, dass Noury nicht nur wissentlich Anweisungen zu den Massenhinrichtungen ausführte, sondern auch weitere Massaker in der Zukunft rechtfertigen wollte.“

While Noury is in custody, the main perpetrators of the 1988 massacre remain in power at the highest levels of the regime, including in the presidency. Ebrahim Raisi officially took over that office in August. The vast majority of Iran’s eligible voters refused to participate in the regime’s sham election, with many openly protesting Raisi’s endorsement by the regime’s Supreme Leader Ali Khamenei.
Während Noury in Haft sitzt, sind die Hauptverantwortlichen des Massakers von 1988 noch in hohen Ämtern oder fungieren heute als Präsident des Regimes. Ebrahim Raisi übernahm das Amt offiziell im August. Die überwältigende Mehrheit der wahlberechtigten Iraner lehnte eine Teilnahme an den Scheinwahlen des Regimes ab und viele protestierten offen gegen die Ernennung von Raisi durch den obersten Führer Ali Khamenei.
2019 wurde Raisi von Khamenei zum Chef der Justiz ernannt und dies war ein wichtiger Meilenstein für ihn zur späteren Ernennung zum Präsidenten. Damit wurde auch das Massaker von 1988 legalisiert, denn Raisi war einer der führenden Personen in ihm. Raisi saß im Todeskomitee von Teheran und nutzte danach seine Rolle als Justizchef, um die zentralen Aspekte der Niederschlagung und den folgenden Umgang mit Gefangenen nach dem Aufstand vom November 2019 zu überwachen.

Ausstellung in Ashraf 3, Albanien: Die Todeshalle im Gohardasht Gefängnis beim Massaker von 1988 im Iran

Bei der Niederschlagung wurden mindestens 1500 Menschen getötet und es war die gewaltsamste Niederschlagung der letzten Jahre im Iran und dennoch war sie weit entfernt von dem Ausmaß des Massakers von 1988. 30.000 politische Gefangene wurden dort hingerichtet und ihre Leichen wurden zwischen Juli und September 1988 in unbekannten Massengräbern verscharrt. Einige der Augenzeugen im Noury Fall gingen sogar soweit, zu sagen, dass diese Zahl nur eine konservative Schätzung ist, wenn man sich die Aussagen bezüglich der Gefängnisse, der Gefängniswärter und der Überlebenden des Massakers ansieht.
Obwohl es Überlebende gab, stellten sie nur einen minimalen Teil der Gefangenen dar, die vor dem Massaker in den Gefängnissen waren. Dies bestätigten nicht nur die Überlebenden des Massakers im Fall Noury, sonst auch diejenigen, die an Konferenzen und Demonstrationen zu dem Thema teilnahmen und die mit der Presse sprachen. Rund 1000 frühere politische Gefangene nahmen zum Beispiel an einer Versammlung in Ashraf 3 (dem Gelände der PMOI in Albanien) teil. 12 von ihnen zeigten in längeren Redebeiträgen auf, was sie beim Massaker erlebt hatten und was es bedeuten würde, wenn man die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht.

Iran: Eine Fatwa, die 30.000 politischen Gefangenen beim Massaker von 1988 das Leben kostete

Einer der Redner war Mohammad Raputam. Er erinnerte sich daran, dass 154 Mitglieder der PMOI vor dem Massaker vom Gohardasht Gefängnis ins Evin Gefängnis verlegt wurden. Von ihnen überlebten nur sieben und er war einer von ihnen. Hassan Zarif, der während des Massakers im Evin Gefängnis inhaftiert war, betonte, dass Tausende politische Gefangene zu dem Zeitpunkt im Gefängnis waren, als das Massaker begann. Innerhalb von Wochen sank diese Zahl auf 90 Gefangene.
In seiner Zeugenaussage in Durres am 10. November sagte Mohammad Zand, dass er drei Monate in Gohardasht in Einzelhaft saß und nach dem Massaker sprach er mit Gefangenen über den Verbleib der Insassen, die zuvor mit ihm in seiner Zelle gesessen hatten „Soweit ich weiß, sind sie der letzte Gefangene dieser Zelle“, sagte man ihm. Zand sagte weiter vor Gericht:“ Vor dem Massaker waren 160 – 170 Gefangene in meiner Zelle.“
Weitere Aussagen werden sicher im Rahmen der Fortsetzung des Noury Prozesses in Schweden angehört werden. Sie kommen von Zeugen, die im Land leben oder in der Lage sind, dorthin zu reisen. Einige von ihnen haben an öffentlichen Versammlungen teilgenommen, die seit Beginn des Prozesses im August stattfanden. Ein Urteilsspruch im Fall Noury wird nicht vor April 2022 erwartet, doch aufgrund der Masse an Zeugenaussagen und Beweisen und einer fehlenden Beweislage der Verteidigung scheint es wahrscheinlich, dass eine Verurteilung erfolgen wird.
Die Verurteilung von Noury muss der Auftakt für eine größere internationale Untersuchung des Massakers von 1988 sein und sie muss am Ende zu der strafrechtlichen Verfolgung von weiteren aktiven und früheren Vertretern führen, die eine weit größere Rolle bei dem Massaker hatten, als Noury. Zu ihnen gehört auch Raisi, der die Fatwa umsetzte, welche „die Feinde des Islam“ eliminieren sollte. Er ist des Genozids für schuldig zu befinden, der an der MEK verübt wurde und dies wäre eine Herausforderung für die fundamentalistische Theokratie im Iran.