Wednesday, December 8, 2021
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Wer ist Esmail Khatib, Irans Minister für Nachrichtendienste (MOIS)?

Es zweifelt fast niemand daran, dass Ebrahim Raisis Ernennungen für sein Kabinett nichts mit Talent oder Expertise zu tun haben und dass die Mannschaft nur für einen Zweck zusammengestellt wurde: sich vor den derzeitigen Krisen zu drücken und den Fall des Regimes zu durchkreuzen. Es gibt unter den Ministerien und ihren unterqualifizierten Chefs eine Ausnahme: das Ministerium für Nachrichtendienste (MOIS) wird jetzt geführt von einer Person, die perfekt das ganze Establishment des Terrors und der Unterdrückung wiederspiegelt.
Wie viele Mitglieder von Ebrahim Raisis Kabinett kommt Esmail Khatib aus dem Schatten. Dem Westen nahezu unbekannt, erzeugt sein Name ein Frösteln in der herrschenden Klasse. Khatibs Register in den letzten 43 Jahren ist verbunden mit der Säuberung und Vernichtung unter Klerikern, Geheimdienstagenten und Wächtern, die es gewagt haben, Ali Khameneis Herrschaft und Erbe irgendwie zu bedrohen. Viele Jahre lang hat Khatib zusammengearbeitet mit Hossein Taeb, dem Chef der Geheimdiensteinheit des IRGC, und seinem Bruder Mehdi Taeb, dem Chef des Ammar Hauptquartiers, der direkt an Mojtaba Khamenei berichtet.


Während eines Treffens zwischen Esmail Khatib und dem Chef der Geheimdiensteinheit des IRGC Hossein Taeb am 6. Sep. 2021 haben beide ihre Zusammenarbeit und die Konsolidierung der nachrichtendienstlichen Bemühungen betont

Geboren 1961 in Qaen in der Provinz Südkhorasan, war Khatib 19 Jahre alt, als der Klerus die Macht ergriff nach der Revolution, die die Pahlevi Dynastie stürzte. Es wurde gesagt, dass Khatib islamische Jurisprudenz unter Ali Khamenei studiert hat, dem derzeitigen Obersten Führer.
Das Corps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) wurde 1980 gegründet mit dem Ziel, die Herrschaft des Obersten Führers zu sichern. Obwohl Ruhollah Khomeini, damals Oberster Führer, die höchsten Leute in den Reihen der klassischen Armee des Iran (genannt Artesh) handverlesen hatte, traute er der Organisation doch nicht zu, mit der Hauptbedrohung für sein Regime fertig zu werden: der inländischen Opposition.
Mohsen Rezaei, der erste Oberkommandierende des IRGC, rekrutierte Esmail Khatib und setzte ihn in der Geheimdiensteinheit des IRGC ein, wo er von 1985 bis 1991 tätig war. Mehrere Berichte zeigen, dass Khatib eine entscheidende Rolle bei der Tötung und Unterdrückung von kurdischen Dissidenten Anfang der 80er Jahre spielte. Über sein Verhalten in diesen Jahren ist wenig bekannt, aber seine Ernennung im Jahr 1991 für die Führung der „Spezialabteilung für Bewegungen“ im Büro des MOIS in Ghom ist sehr vielsagend. Sein Auftrag: das Ausspionieren und die Beseitigung von Klerikern und jedem sonst, der sich der herrschenden Elite widersetzte.
Report: Es gibt 30 000 iranische Beschäftigte in den Nachrichtendiensten

Einer der hervorstechendsten Fälle auf Khatibs Schreibtisch war das Komplott zur Verhaftung und Hinrichtung von Mehdi Hashemi, dem Bruder von Hadi Hashemi, Schwiegersohn von Ajatollah Montazeri. Verantwortlich für die Einheit für Befreiungsbewegungen im IRGC – einem Äquivalent der derzeitigen Qods Armee im IRGC – stand Mehdi Hashemi Ajatollah Montazeri nahe, der offiziell der Oberste Führer in Wartestellung war. Beide lebten in Ghom unter der „Rechtsprechung“ von Khatib.
Als die Reagan Administration 1986 versuchte, amerikanische Geiseln aus den Fängen von Handlangergruppen des Regimes im Libanon zu befreien, schickte die Regierung der Vereinigten Staaten einen Sondergesandten in den Iran, der sich heimlich mit Khomeini und seinem engsten inneren Kreis treffen sollte. Das Treffen, das zu einem Vertrag über Waffenverkäufe zwischen Teheran und dem ‚großen Satan’ führte, sickerte zu Ajatollah Montazeris Büro durch über Leute, die ihm nahestanden – angeblich Leute wie Mehdi Hashemi. Dieses Durchsickern verursachte einen großen Skandal in Teheran und genauso im Westen, allgemein bekannt als ‚Iran Gate‘ oder ‚Iran Contra Affäre’.
Es spielte keine Rolle ob Mehdi Hashemi tatsächlich der Whistleblower war oder nicht – das Regime entschied, ihn um jeden Preis zu beseitigen, und er wurde beseitigt. Trotz seiner langen Geschichte der Arbeit für das IRGC und den Klerus wurde er inhaftiert und als Verräter hingerichtet.

Das Mitglied der Revolutionsgarden Mehdi Hashemi

Großajatollah Hussein-Ali Montazeri

In den 1980er Jahren hatte Ajatollah Montazeri gelegentlich in Justizaffären eingegriffen und seine Leute hatten Dutzende von politischen Gefangenen durch die „Amnestie Delegation” freigelassen. Deshalb geriet Montazeri mehr und mehr mit Assadollah Lajevardi aneinander, dem berüchtigten Generalstaatsanwalt, der in den frühen 80er Jahren Tausende von politischen Gefangenen hinrichten und foltern ließ. Das alles entging nicht der Aufmerksamkeit Esmail Khatibs und es wurde an die höchste Ebene in Teheran gemeldet. Als schließlich Ajatollah Montazeri 1988 Einwände gegen die Massenhinrichtungen erhob, hatte der Oberste Führer Khomeini genug, entzog ihm die Nachfolge und ließ ihn unter Hausarrest setzen.
In den folgenden Jahren wurde unter Esmail Khatibs Oberaufsicht Montazeris Haus, sein Büro, seine Moschee und seine Bibliothek mehrmals mit Razzien überzogen. Alles wurde zerstört, sein Eigentum geplündert und seine Leute geschlagen und hinter Gitter gebracht.
1999 wurde Esmail Khatib zum Chef des MOIS in der Stadt Ghom befördert. Es wird gesagt, dass im März 1995 Said Emami, der frühere stellvertretende Chef des MOIS, damit beauftragt wurde, Ahmad Khomeini, den Sohn des verstorbenen Ruhollah Khomeini, zu ermorden. Ahmad Khomeini war mehr und mehr in Konflikt geraten mit dem herrschenden Duo Hashemi Rafsanjani und Ali Khamenei, dem zweiten Obersten Führer. Zu den an der Entscheidung Beteiligten gehörten MOIS Chef Ali Fallahian und der derzeitige Justizchef

Ali Fallahian, früherer MOIS Chef
Gholamhossein Mohseni Ejei.
Gholamhossein Mohseni Ejei, derzeitiger Justizchef

Mostafa Pourmohammadi, früherer Justizminister und früherer Vizechef des MOIS
Staatliche Medien behaupteten, dass Ahmad Khomeini einen Herzstillstand erlitt, aber seine Frau Fatemeh Tabatabai sagte einer anderen Frau, dass Khomeinis Sohn von iranischen Geheimdienstagenten vergiftet worden sei. Die andere Frau war Fakhr ul-Sadat Burgai, die Frau von Hossein Pourmohammadi.
Zuletzt kam das Hosseins Bruder Mostafa Pourmohammadi zu Ohren, einem der altgedientesten Mitglieder der MOIS. Die Folge war, dass man entschied, dass die Frau zu viel wisse und dass man sich um sie kümmern müsse. Ein Jahr nach dem mysteriösen Tod von Ahmad Khomeini wurde am 7. März 1996 Fakhr ul-Sadat Burqai brutal ermordet. Die einstige Lehrerin wurde zuhause tot aufgefunden, mit einem Elektrokabel erwürgt, ihr Leib war von Säure verätzt. Die Familie des Opfers, die dem Regime nahestand, drängte zunächst auf eine Autopsie, aber jeder, der in den Fall involviert war, wurde entweder entlassen, ging in den Ruhestand oder wurde einfach von dem Fall abgezogen. Ihre Familie wurde zuletzt zum Schweigen verdonnert.
2010 wurde Esmail Khatib Chef der Sicherheit für Ali Khameneis Beyt (arabisch für Haus). Es gibt nahezu keine überprüfbaren Informationen für seine Aktionen im inneren Kreis des Obersten Führers, aber er blieb auf diesem Posten bis 2012. Als Sadegh Amoli Larijani Chef der Justiz wurde, forderte er Esmail Khatib für die Leitung der Geheimdienstabteilung der Justiz an. Auf diesem Posten hatte Khatib die Aufsicht über jeden einzelnen Fall von Korruption inner- und außerhalb der Justiz.
Nach Ebrahim Raisis gescheiterter Bewerbung für die Präsidentschaft startete der Oberste Führer einen neuen Plan, um seinen Mann um jeden Preis zum Chef der Exekutive zu machen. Dabei wurde Sadegh Amoli Larijani aufgefordert, als Chef der Justiz abzutreten, obwohl seine zweite fünfjährige Amtsperiode noch nicht zu Ende war. Entsprechend wurde Ebrahim Raisi am 7. März 2019 zum Chef der Justiz ernannt. Sein Stellvertreter wurde Gholam-Hossein Mohseni-Ejei und er gelobte, ‚die Korruption in der Justiz mit der Wurzel auszuziehen‘. Bevor sein neuer Wahlkampf begann, versetzte das Establishment Esmail Khatib zu Astan Quds Razavi, um seine Verbindungen zu all dem abzuschneiden, was als nächstes passieren sollte.
Am 14. Juli 2019 wurde Akbar Tabari, Handlungsbevollmächtigter in der Justiz, in Sadegh Amoli Larijanis Haus verhaftet. Das Regime machte Akbar Tabari den Prozess und nach der Entlassung von 200 korrupten Richtern begann Raisi damit, sich unter Benutzung der staatlichen Medien als Meister im Kampf gegen Korruption zu profilieren. Esmail Khatibs Name verschwand aus allen Fallakten und, als Ebrahim Raisi die Zusammensetzung seines Kabinetts bekannt gab, wurde Khatib Kandidat für den Chefposten des MOIS, einem der lebenswichtigsten Posten in der nationalen Sicherheit in der Administration mit direktem Bericht an Khamenei.


Sadegh Amoli Larijani, früherer Justizchef, und sein Stellvertreter Akbar Tabari

Während der Anhörung zur Bestätigung von Ebrahim Raisis Kabinett, intervenierte, als einige Parlamentsmitglieder Fragen über Khatibs Vergangenheit stellen wollten, mit Nachdruck der Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf und erinnerte jedermann daran, dass Leute wie Khatib die definitive Billigung des Obersten Führers habe.
In den letzten vier Jahrzehnten war Esmail Khatib Khameneis Mann, um Opposition zu suchen, zu identifizieren und zu entfernen. Er hat seine Loyalität bewiesen gleichgültig welchen Titel er hatte oder welchen Hut er aufhatte. In einem Regime, wo sogar die höchsten Amtsträger unter Überwachung stehen und wo ihre Loyalität immer wieder getestet wird, war Khatib derjenige, der die wichtigsten Unruheherde kontrollierte. Mit einer Reihe von offenkundigen Sicherheitsausfällen in der Vergangenheit und in Vorbereitung auf Regentage in der Zukunft ist es sicher, dass Esmail Khatib, gerüstet mit dem barbarischsten und brutalsten Tötungsapparat, willens ist, alles und jeden aus dem Weg zu räumen, um Khameneis Herrschaft zu bewahren.